Pilotprojekt an der Wirtschaftsschule Thun: Lernen mit KI-Unterstützung
Die Forschung zeigt, dass Einzelunterricht Lernergebnisse massiv verbessern kann. Das Berner Start up High Five verbindet das Konzept des Einzelunterrichts mit Künstlicher Intelligenz. Mit High Five erhält jede lernende Person eine persönliche, dialogbasierte Lernbegleitung, die sich individuell an Niveau, Tempo und Sprache anpasst – eingebettet in ein pädagogisch geführtes Lernkonzept. Seit Ende Januar findet in zwei Klassen von Lernenden Entwickler:innen digitales Business EFZ an der WST ein Pilotprojekt mit High Five statt.
9. Februar 2026

Wie lernen junge Erwachsene heute am wirkungsvollsten? Und wie kann Unterricht so gestaltet werden, dass er sowohl individuelle Bedürfnisse berücksichtigt als auch Raum für Austausch und Anwendung lässt? Mit diesen Fragen setzt sich die Wirtschaftsschule Thun (WST) im Rahmen eines Pilotprojekts auseinander. Seit Ende Januar testet sie gemeinsam mit dem Schweizer Tech-Startup High Five einen neuen Ansatz für das begleitete Selbststudium mit KI-Unterstützung. Ziel ist es, Lernende im Selbststudium individuell zu begleiten und gleichzeitig den Präsenzunterricht gezielter für Austausch und Anwendung zu nutzen.
High Five basiert auf dem Prinzip des sogenannten «Conversational Learning», also einem Lernprozess im Austausch. Lernende arbeiten selbstständig an Lerninhalten, werden dabei jedoch kontinuierlich begleitet – nicht durch klassische Lernkontrollen, sondern durch einen dialogischen Lernprozess. Eine KI-gestützte Lernbegleiterin mit Namen LISA (steht für «Lifelong Interactive Study Assistant») führt Schritt für Schritt durch den Lernstoff, stellt gezielte Fragen, fordert zum Nachdenken auf und passt sich dem individuellen Lernfortschritt an. «Unser System macht es den Lernenden nicht einfach, sondern fordert sie dazu auf, mitzudenken, Zusammenhänge zu erkennen und Inhalte wirklich zu verstehen», erklärt Bettina Hirsig, Mitgründerin von High Five.
Erstmals an Berufsfachschule
High Five wurde vor zwei Jahren in Bern von Bettina Hirsig, ihrem Ehemann Christian Hirsig sowie Konrad Mazanowski gegründet, die in der Schweizer Start up-Szene aufgrund verschiedener spannender Projekte und Firmengründungen wie beispielsweise Powercoders bekannt sind. Bislang wurde die KI-Lernbegleitung unter anderem an der Berner Fachhochschule, beim Schweizerischen Roten Kreuz (im Rahmen von Kursen für geflüchtete Menschen) oder der WKS KV Bildung im Bereich Weiterbildung getestet. Dank der Zusammenarbeit mit der WST nun erstmals auch im Berufsschulumfeld. Konkret testen zwei Klassen von Entwickler:innen digitales Business EFZ seit Ende Januar nun aus, wie das Lernen mit LISA funktioniert. «Wir sind sehr gespannt, da wir in dieser Altersgruppe bislang noch keine Erfahrungen mit LISA gemacht haben», sagt Bettina Hirsig. «Die Berufsbildung ist didaktisch sehr spannend», so Hirsig. «Hier geht es nicht nur um Theorie, sondern sehr stark um Anwendung und Praxisbezug.»
Mehr Raum für Interaktion im Unterricht
Für die Wirtschaftsschule Thun ist das Pilotprojekt vor allem aus pädagogischer Sicht interessant. Das begleitete Selbststudium ermöglicht es den Lernenden, Inhalte zeit- und ortsunabhängig zu erarbeiten. Dadurch kann der Präsenzunterricht stärker für Diskussionen, Fragen und praktische Anwendungen genutzt werden. «High Five ersetzt die Lehrperson nicht», betont Bettina Hirsig. «Im Gegenteil: Die menschliche Interaktion bleibt beim Unterrichten das Wichtigste. Die Technologie schafft jedoch zusätzliche Freiräume, damit Lehrpersonen im Unterricht mehr Zeit für Austausch, Vertiefung und Anwendung haben.» Dieser Ansatz entspricht dem Prinzip des Blended Learning, bei dem digitales Selbststudium und Präsenzunterricht gezielt miteinander kombiniert werden.
Geführtes Lernen
Doch was genau bringt ein KI-Tool wie LISA in Zeiten von ChatGPT und Gemini wirklich? «Im Unterschied zu frei nutzbaren KI-Tools bietet High Five klar strukturierte Lernpfade. Die Lernenden erhalten Orientierung darüber, welche Inhalte relevant sind und in welcher Reihenfolge sie bearbeitet werden sollen», erklärt Bettina Hirsig. Die Lerninhalte werden in einem ersten Schritt von High Five oder den Lehrpersonen in LISA eingespeist. Die KI entwickelt daraus dann die Lernpfade. «Man kann sich das vorstellen wie eine Karte im Wald“, erklärt Hirsig. „Ohne Struktur verirrt man sich schnell; mit einem klaren Lernpfad weiss man, wo man steht und wohin man geht.»
Erfahrungen aus anderen Bildungssettings, etwa an Fachhochschulen oder in der Weiterbildung, zeigen: Lernende schätzen besonders die individuelle Begleitung und die zeitliche Flexibilität. Sie können ohne Hemmungen Fragen stellen, und Inhalte in ihrem eigenen Tempo bearbeiten. «Viele Fragen werden im Klassenzimmer nicht gestellt, weil Lernende Angst haben, dass es ‘dumm wirken könnte», sagt Hirsig. «In der Lernbegleitung mit High Five gibt es diesen Druck nicht. Die Lernenden bewegen sich in einem geschützten Raum und können jederzeit nachfragen.»
Innovation bewusst erproben
Mit dem Pilotprojekt unterstreicht die Wirtschaftsschule Thun ihren Anspruch, neue Lernformen offen zu prüfen und praxisnah weiterzuentwickeln. «Wir verstehen High Five als Werkzeug, das selbstorganisiertes Lernen fördert, aber immer in einem klaren pädagogischen Rahmen», so Hirsig. Das Pilotprojekt läuft bis Mitte März und wird eng begleitet. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen anschliessend ausgewertet und – je nach Resultat – in die Weiterentwicklung des Unterrichts einfliessen.