Zwischen Loipe, Lehrbetrieb und Leistungsdruck – Livia Germann verfolgt ihren eigenen Weg

Leistungssport und Berufsausbildung gleichzeitig zu meistern, verlangt Disziplin, Organisation und Durchhaltewillen. Die 18-jährige Biathletin Livia Germann aus Adelboden zeigt, wie dieser Spagat gelingen kann. Im Interview erzählt sie von ihrem Alltag zwischen Training, Schule und Betrieb, spricht offen über Rückschläge wie das Pfeifferische Drüsenfieber und erklärt, weshalb sie trotz grosser sportlicher Ziele bewusst auf eine Berufsausbildung gesetzt hat.

18. Mai 2026

Livia Germann, stellen Sie sich doch kurz mit einigen Worten vor…
Mein Name ist Livia Germann, ich bin 18 Jahre alt und komme aus Adelboden. Meine Ausbildung habe ich bei der Firma Beosolar in Adelboden absolviert und werde diese im Sommer 2026 abschliessen. Das Besondere daran: Ich habe die Ausbildung im Sportmodell gemacht. Das bedeutet, dass ich meine Berufsausbildung gleichzeitig mit Leistungssport kombiniert habe. Neben Schule und Arbeit gehören Trainings und Wettkämpfe zu meinem festen Programm.

Wie funktioniert eine Ausbildung zusammen mit Leistungssport?
Für mich wäre eine reguläre Ausbildung aufgrund meines Trainingspensums kaum möglich gewesen. Trainingslager und Wettkämpfe in der ganzen Schweiz oder teilweise im Ausland gehören bei mir zum regelmässigen Alltag. Daher war eine Sportlerausbildung für mich genau das Richtige.
Zu Beginn meiner Ausbildung wurde meine Lehrzeit von drei auf vier Jahre verlängert. Die Schultage bleiben dabei gleich wie bei allen anderen Lernenden. Da man wegen den Trainings und Wettkämpfen aber häufig im Betrieb fehlt, erhält man mehr Zeit für die praktische Ausbildung. Die schulischen Abschlussprüfungen absolviert man also normal nach drei Jahren, die betrieblichen Prüfungen werden hingegen auf das vierte Lehrjahr verteilt. Ende meines zweiten Lehrjahres bekam ich jedoch die Möglichkeit, meine Ausbildung wieder auf die regulären drei Jahre zu verkürzen. Der Grund dafür waren meine guten schulischen Leistungen und weil ich auch keine Defizite in meinem Betrieb hatte. Ich habe mir diesen Schritt zugetraut und mich deshalb für die Kürzung entschieden. Der wichtigste Punkt dabei war jedoch mein Lehrbetrieb. Sie mussten dieser Verkürzung zustimmen, da sie dadurch praktisch ein Lehrjahr mit mir verlieren würden. Umso dankbarer bin ich, dass ich dabei unterstützt wurde und mein Betrieb mir dieses Vertrauen gegeben hat.

Welche Sportart betreiben Sie?
Ich mache Biathlon – eine Sportart, die Langlauf und Schiessen miteinander verbindet. Eigentlich zwei Gegensätze, die kombiniert werden: Ausdauer und körperliche Belastung, gleichzeitig aber auch Konzentration und Präzision. Momentan habe ich den Kaderstatus der Trainingsgruppe 2 im Berner Oberländischen Skiverband (BOSV). Dort absolvieren wir pro Woche zwei bis drei geführte Trainings als Gruppe. Die restlichen Trainingseinheiten absolviere ich selbstständig zuhause, damit ich im Sommer pro Woche auf ca. 15 Trainingsstunden komme. Zusätzlich finden ungefähr alle drei Wochen Trainingskurse statt. Dort trainieren wir mehrere Tage intensiv zusammen.

Wie sind Sie zu dieser Sportart gekommen?
Da ich direkt neben der Langlaufloipe aufgewachsen bin und mein Vater ebenfalls ambitionierter Langläufer war, stand ich schon früh auf den Skiern – das erste Mal mit etwa fünf Jahren. Im Skiclub Adelboden besuchte ich später die JO, wo wir einmal pro Woche gemeinsam trainierten. Mit ungefähr zehn Jahren begann ich, regionale Wettkämpfe zu bestreiten. Dadurch konnte ich mich dann für den Regionalverband BOSV selektionieren. Dort wurde in einem Training ein Schnupperkurs für Biathlon angeboten. Dies hat mich direkt gepackt und motiviert.

Was fasziniert Sie am Biathlon am meisten?
Ich mag vor allem die Abwechslung. Biathlon ist für mich spannender als «nur» Langlauf, weil es nicht ausschliesslich um Ausdauer geht, sondern mit der zweiten Sportart, dem Schiessen, Präzision gefragt ist. Man muss auf der Loipe alles geben und kurz darauf beim Schiessen sofort wieder ruhig und fokussiert sein. Genau diese Kombination macht es so spannend. Ausserdem ist das Training sehr vielseitig. Neben dem Langlauf gehören zum Beispiel auch Jogging, Krafttraining oder Fahrradfahren dazu. Dadurch wird es nie langweilig und man kann sich ständig weiterentwickeln.

Weshalb haben Sie sich für eine Ausbildung mit Sport entschieden?
In der Schweiz gibt es heute viele Möglichkeiten, Leistungssport und Ausbildung zu kombinieren – beispielsweise mit einer Sportlerlehre, einer Sportschule oder einem Sportgymnasium. Für mich war jedoch früh klar, dass ich gerne eine Berufsausbildung machen möchte. Ich sehe den grossen Vorteil darin, dass man nach den drei bis fünf Ausbildungsjahren bereits einen ersten Berufsabschluss hat. Gleichzeitig war mir wichtig, neben dem Sport auch an ein Leben nach der sportlichen Karriere zu denken. Im Leistungssport weiss man nie genau, wie sich alles entwickeln wird. Deshalb wollte ich mir neben dem Sport auch beruflich etwas aufbauen. Eine Sportschule kam für mich persönlich nie wirklich infrage. Ich wollte nicht von zuhause wegziehen und konnte mir auch nicht vorstellen, Sport, Schule und Freizeit ständig mit denselben Menschen zu verbringen. Viele meiner Teamkolleg:innen haben sich jedoch für diesen Weg entschieden – die meisten aus meiner Trainingsgruppe besuchen die Sportschule in Engelberg. Rückblickend bin ich sehr froh über meinen Entscheid. Ich habe während meiner Lehrzeit nicht nur sportlich, sondern auch persönlich extrem viel gelernt.

Was bedeutet das im Alltag, Leistungssport, Arbeit und Schule unter einen Hut zu bringen?
Planung und Organisation sind das A und O. Meine Schultage waren fix vorgegeben und auch ein Teil meiner Trainingszeiten stand bereits fest. Wenn ich keine Schule oder kein Training hatte, war ich im Betrieb – ausser natürlich am Wochenende. Das bedeutet, dass man alles andere rundherum planen muss: Lernen, Freizeit oder Erholung. Zeit war definitiv nicht immer im Überfluss vorhanden. Teilweise bedeutete das auch, während der Zugfahrt ans Training noch für die Schule zu lernen oder die Woche bereits mehrere Tage im Voraus genau zu planen. Gerade dadurch lernt man aber sehr schnell Selbstorganisation, Eigenverantwortung und Prioritätensetzung. Natürlich gibt es auch Phasen, in denen Prüfungen, Trainingslager und Wettkämpfe gleichzeitig zusammenkommen. Dann merkt man, wie wichtig Disziplin, gute Planung und ein unterstützendes Umfeld sind.

Was war für Sie in Ihrer Lehrzeit besonders herausfordernd?
Der Beginn meiner Ausbildung war wahrscheinlich die schwierigste Zeit. Ich musste mich zuerst an den Arbeitsalltag, die neue Schule und allgemein an diesen neuen Alltag gewöhnen. Mit der Zeit wurde es aber einfacher, weil ich einen festen Wochenrhythmus hatte. Ich persönlich hatte aber nie grosse Probleme damit, Sport und Ausbildung zu kombinieren. Ein entscheidender Punkt war jedoch die Unterstützung meines Lehrbetriebs. Zu Beginn jeder Saison konnte ich meinen Trainingsplan einreichen, sodass früh klar war, wann ich abwesend sein werde. Auch kurzfristige Trainings oder Termine waren nie ein Problem. Diese Flexibilität und das Verständnis meines Betriebs haben eine enorm wichtige Rolle gespielt. Natürlich braucht es Selbstorganisation und Durchhaltewillen – aber ohne einen unterstützenden Lehrbetrieb wäre vieles deutlich schwieriger gewesen. Auch die WST hat mich dabei sehr unterstützt. Dort hatte ich mit Jürg Dellenbach eine wichtige Kontaktperson, bei der ich mich jederzeit melden konnte. Wenn ich aufgrund von Trainings oder Wettkämpfen gefehlt habe, wurde ich für die entsprechenden Schultage immer entschuldigt. Dieses Verständnis und die Unterstützung haben mir ebenfalls sehr geholfen.

Mit welchen Herausforderungen hatten Sie in Ihrer sportlichen Karriere bereits zu kämpfen?
Kurz nach dem Beginn meiner Ausbildung im Sommer 2023 bekam ich gesundheitliche Probleme. Die ersten Wettkämpfe im Winter konnte ich noch bestreiten, danach wurde ich jedoch immer wieder krank und konnte mich nie richtig erholen. Im März 2024 wurde schliesslich das pfeifferische Drüsenfieber festgestellt. Eine Viruserkrankung, die besonders häufig bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auftritt. Gerade im Leistungssport fällt diese Erkrankung oft stark auf, weil man plötzlich deutlich weniger leistungsfähig und anfälliger für Infekte ist. Ich hatte mit starker Müdigkeit und allgemeiner Erschöpfung zu kämpfen. An Training oder Wettkämpfe war in dieser Zeit nicht zu denken. Insgesamt war ich fast für ein halbes Jahr out, bis ich wieder mit dem Training beginnen konnte. Das war eine sehr schwierige Zeit für mich, weil ich praktisch machtlos war und nichts aktiv dagegen tun konnte. Für diese Krankheit gibt es leider kein Gegenmittel – Geduld und Erholung sind gefragt. Die Zeit war mental sehr belastend. Ich hatte viele Zweifel und Ängste und wusste nicht, ob ich wieder auf mein Leistungsniveau zurückkommen kann. Rückblickend habe ich jedoch in dieser Zeit am meisten dazugelernt. Ich habe gelernt, wirklich auf meinen Körper zu hören und mich mehr auf mich selbst zu konzentrieren. Ausserdem habe ich verstanden, wie wichtig Erholung und Regeneration ist. Ohne diese Erkrankung wäre ich heute nicht da, wo ich bin!

Was waren bislang Ihre grössten sportlichen Erfolge?
Im Biathlon gibt es zwei Altersstufen. Bis ungefähr 16 Jahre schiesst man noch mit einem Luftgewehr auf 10 Meter Distanz und trägt das Gewehr nicht mit sich. In dieser Kategorie konnte ich 2023 den Vize-Schweizermeistertitel gewinnen. Ab der höheren Alterskategorie schiesst man dann mit dem Kleinkalibergewehr auf 50 Meter und trägt das Gewehr während des Wettkampfs – wie im Weltcup.
Meine erste Saison mit dem Kleinkaliber verpasste ich leider wegen meiner Erkrankung. Die Saison danach war noch nicht optimal, da ich wie gesagt fast ein halbes Jahr nicht trainieren konnte – im Winter habe ich meinen Trainingsrückstand deutlich gespürt. In der vergangenen Saison 2025 / 26 lief es wieder besser und ich merkte, dass ich mich von der Krankheit erholt habe. Ich erreichte den 4. Rang in der Gesamtwertung des SwissCups in meiner Kategorie. Im Alpencup, an dem unter anderem Athlet:innen aus Deutschland, Österreich und Slowenien teilnehmen, belegte ich zudem Rang 5 in der Gesamtwertung.

Im Sommer schliessen Sie Ihre Lehre ab, haben Sie bereits Pläne für die Zeit danach?
Nach meiner Ausbildung werde ich die Berufsmaturität absolvieren – berufsbegleitend. Gleichzeitig werde ich weiterhin bei meinem Lehrbetrieb arbeiten und meine sportlichen Ziele weiterverfolgen. Ich freue mich sehr auf diese kommende Zeit. Natürlich wird es erneut eine Herausforderung, da ich wieder Schule, Sport und Arbeit miteinander verbinde. Jedoch kann ich jetzt von den Erfahrungen profitieren, die ich bereits während meiner Berufsausbildung gesammelt habe.

Und wie sehen Ihre sportlichen Ziele aus?
Mein wichtigstes Ziel ist es, gesund und verletzungsfrei zu bleiben. Dies ist aber eher ein Wunsch als ein konkretes Ziel, weil man vieles nicht vollständig beeinflussen kann – aber ohne Gesundheit funktioniert im Sport nichts. Ansonsten versuche ich, Schritt für Schritt meinen Weg zu gehen. Mir ist bewusst, dass nicht jede Leistungssportlerin irgendwann ganz oben stehen wird. Solange ich Freude und Motivation habe, möchte ich aber alles dafür geben, um mich weiterzuentwickeln und vielleicht eines Tages im Weltcup oder bei internationalen Grossanlässen starten zu können. Ein konkretes Zwischenziel ist die Aufnahme ins C-Kader von Swiss-Ski innerhalb der nächsten zwei Jahre.

Was würden Sie anderen Lernenden in der Sportausbildung raten?
Ich würde jedem raten, auf sich selbst zu hören. Sport, Arbeit und Schule gleichzeitig zu bewältigen, ist nicht immer einfach. Deshalb ist es wichtig, auf die eigene Gesundheit zu achten und sich genügend Erholung zu gönnen. Gerade im Leistungssport hat man oft das Gefühl, immer funktionieren zu müssen – langfristig bringt es aber mehr, auch einmal bewusst eine Pause zu machen. Hier spreche ich selbst aus Erfahrung.
Ausserdem ist Kommunikation enorm wichtig. Man sollte offen mit den Eltern, dem Lehrbetrieb, der Schule und dem Trainerteam sprechen. Nur so können sie verstehen, wie es einem gerade geht und wo Unterstützung nötig ist. Ich bin dabei immer auf viel Verständnis gestossen. Und am wichtigsten: Man sollte seinen Weg mit Freude und Leidenschaft gehen. Man muss überzeugt davon sein – sonst können vier Jahre ziemlich lang werden.

Ihre Worte zum Abschluss unseres Interviews?
Danke! Danke an meinen Lehrbetrieb und die WST für die Unterstützung in den letzten drei Jahren. Ohne diesen Support wäre vieles nicht möglich gewesen und ich wäre jetzt nicht da, wo ich bin!